Erzähler bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch eine Person, die etwas berichtet, etwa ein Erlebnis oder eine erfundene Geschichte.[1] In der Erzähltheorie ist der Erzähler oder die Erzählstimme eine fiktive Instanz, welche eine Geschichte oder einen Teil davon vermittelt.[2] Die Wahl dieser Instanz bestimmt in erzählender Prosa wesentlich, welches Wissen und welcher Blickwinkel im Text erscheinen.[3]
Begriff und Abgrenzung
Autor und Erzähler sind bei fiktionalen Texten zu unterscheiden: Der Autor ist die reale Person außerhalb des Textes; Erzähler können als Instanzen innerhalb des Textes auftreten.[4] Erzählen kann mündlich oder schriftlich erfolgen und reale wie erfundene Vorgänge behandeln.[5] Mündliches Erzählen besteht seit dem Sprechen des Menschen, schriftliches seit der Entwicklung der Schrift.[3]
Fragen und Modelle der Textanalyse
Die Analyse trennt die Fragen, wer erzählt oder spricht, und wer wahrnimmt.[2] Diese Trennung hilft, Stimme und Figurenwahrnehmung nicht gleichzusetzen. Als unterschiedliche Arbeitsmodelle verbindet Gérard Genette Homo- und Heterodiegesis mit Fokalisierung; Franz Karl Stanzel unterscheidet Ich-, auktoriale und personale Erzählsituationen.[2]
Ein Ich-Erzähler ist eine Figur der Handlung und vermittelt nur Wissen, das dieser Figur zugänglich ist.[3] Ein Er- oder Sie-Erzähler kann dagegen außerhalb der erzählten Handlung stehen, statt selbst als Figur teilzunehmen.[3] Personales Erzählen beschränkt die Darstellung auf das, was bestimmte Figuren betrifft; auktoriales Erzählen kann Wissen über mehrere Figuren und deren Motive vermitteln.[3]
Beispiel: „Ich hörte hinter der Tür ein leises Lachen, aber ich wusste nicht, wer dort wartete.“ Die Ich-Figur schildert ihre Wahrnehmung und lässt die Ursache offen, weil sie darüber kein Wissen besitzt.[3]
Beispiel: Vor dem Bahnhof blieb Nuri stehen, sah auf die Anzeigetafel und zerknüllte das Ticket in seiner Hand. Die Darstellung zeigt beobachtbare Handlungen, ohne Nuris Gefühle zu benennen, und beschränkt sich damit auf von außen wahrnehmbare Einzelheiten.[3]
Perspektive und Gestaltung
Erzählperspektive bezeichnet den Blickwinkel der Darstellung, Erzählhaltung die Einstellung des Erzählers zu den Geschehnissen.[3] Beim Entwurf eines Erzähltexts lässt sich die Erzählinstanz gezielt wählen, um Perspektive und Haltung zu gestalten.[3] Eine Ich-Figur hält dabei die Informationsgrenze ihrer eigenen Wahrnehmung ein; eine Außenperspektive kann Handlungen darstellen, ohne Empfindungen der Figuren zu benennen.[3]
Übertragungen und Sachtexte
Das literaturwissenschaftliche Modell des Erzählers wird häufig auf Film übertragen.[6] Für wissenschaftliche Texte unterscheidet Felix Steiners Modell den Menschen hinter dem Text, Verfasser oder Urheber des Textes sowie eine innerhalb des Textes auftretende Autorfigur als Erzählstimme.[4]
Weblinks
- Erzähler – Wikipedia
- Erzähltechnik – Wikipedia
- Erzähler (1) – Lexikon der Filmbegriffe
- Einführung in die Erzähltheorie – Leseprobe
- Erzählen fürs Argumentieren – Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik
Einzelnachweise
- ↑ Duden: Erzähler ▶ Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft, Duden, o. D., abgerufen am 23. Juli 2026.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Stefanie Jakobi: KinderundJugendmedien.de – Erzähler, o. H., o. D., abgerufen am 23. Juli 2026.
- ↑ 3,00 3,01 3,02 3,03 3,04 3,05 3,06 3,07 3,08 3,09 Annette Kautt: Erzähler & Erzählen | Rossipotti Literaturlexikon, Rossipotti Literaturlexikon, o. D., abgerufen am 23. Juli 2026.
- ↑ 4,0 4,1 Vom Ich-Erzähler des Sachbuchs: Vom Ich-Erzähler des Sachbuchs | Textpraxis, Textpraxis, o. D., abgerufen am 23. Juli 2026.
- ↑ leseprobe_einführung-in-die-erzähltheorie.pdf: leseprobe_einführung-in-die-erzähltheorie.pdf, cdn-assetservice.ecom-api.beck-shop.de, o. D., abgerufen am 23. Juli 2026.
- ↑ Erzähler (1): Erzähler (1) [Das Lexikon der Filmbegriffe], Das Lexikon der Filmbegriffe, o. D., abgerufen am 23. Juli 2026.